Die Sache mit der Sehnsucht

„Ich werde dich für immer vermissen“.

Ich glaube, nein, ich weiß, dass es so ist.
Wir alle haben Menschen, die wir vermissen. Wobei ich der Ansicht bin, dass es nicht immer die Menschen sind, die wir vermissen.
Viel mehr ist es die Zeit, die wir mit diesen Menschen verbracht haben, welche wir vermissen.
Viel mehr sind es die Gefühle, welche diese Menschen in uns ausgelöst haben, welche wir bereit waren mit ihnen zu empfinden, die wir vermissen.
Selten ist es der Mensch, nur und ganz allein der Mensch, welcher uns fehlt.

Ich persönlich kann sagen, dass der Tod etwas ist, welcher mich diesen Satz innerlich immer und immer wieder sagen lässt. „Ich vermisse dich„. „Ich werde dich für immer vermissen“. „Du fehlst mir“. „Du wirst mir immer fehlen“.

Der Tod ist nämlich derjenige, der die Verbindung zu anderen Menschen für immer und endgültig und unabwendbar trennt.  Menschen, die einander vermissen und leben, haben immer, immer irgendwie die Möglichkeit wieder zueinander zu finden. Sie haben die Chance, die Nähe zum Anderen wieder aufzubauen, ihre Sehnsüchte zu stillen. Aber die Menschen, die einen Menschen vermissen, der die Hand des Todes bereits ergreifen musste, hinterlassen ein nicht mehr zu füllendes Loch der Sehnsucht, des Vermissen. Diese, die einen solchen Menschen vermissen, sind die Rastlosen, die Suchenden, die einsehen müssen, dass nichts und wieder nichts dieses Loch, diesen Krater, füllen kann. Diese Menschen suchen oftmals verzweifelt nach genau dem Menschen, der einem das geben kann, was einem der bereits verstorbene Menschen geben konnte. Diese Menschen müssen einsehen, dass keiner, kein anderer Mensch dieser Welt genau das Gleiche kann. Diese Menschen müssen einsehen, dass dieses Loch von nun an ein Bestandteil des eigenen restlichen Lebens ist und immer bleiben wird. Denn dieses Loch erinnert den Menschen immer an den Platz, der vorher diesem einen Menschen gehört hat. Dieses Loch nennen die Menschen „Erinnerung“. Und dieses Loch, diese Erinnerung ist der einzige Ort, an dem man selbst mit dem Verstorbenen in Verbindung bleiben kann. Dieses Loch, diese Erinnerung verlockt viele Menschen dort für immer verweilen zu wollen. Diese Menschen können den Verstorbenen nicht gehen, nicht frei lassen. Diese Menschen leben darin, verpassen das eigentliche Leben und können dieses Loch nicht als dieses akzeptieren. Dabei ist genau das so wichtig, so unglaublich wichtig. Einzusehen, zu akzeptieren, hinzunehmen, dass dies ein Prozess ist, an dem die kleine Erfindung „Mensch“ nicht mitwirken kann. Wir können den Tod nicht umgehen, wir können ihn nicht verändern und wir können auch die Menschen, die bereits von ihm geholt wurden, nicht zurückholen, es niemals können. Und diese Erkenntnis tut weh, sie tut unwahrscheinlich, unfassbar weh und macht wütend und traurig.

Der Tod ist ein unausweichliches, reales und nicht zu verschönerndes Ereignis und hinterlässt bei den Lebenden nichts als Wut und Trauer, Schmerz, Narben und Löcher, so tief und schwarz wie die Abgründe der menschlichen Seele eben sein können. Aber, um das Leben als dieses anerkennen zu können, genießen zu können, gehört neben dem für immer währenden tiefen Verlust auch die Akzeptanz der Unveränderlichkeit, die Hingabe zum Leben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s